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07.01.2010

"demenz art" - Kunst von Menschen mit Demenz

 

Inzwischen haben die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. und der Verein Werkstatt Demenz e.V . gemeinsam einen Kalender für das Jahr 2007 mit Bildern dieser Ausstellung herausgegeben.

Auszüge aus dem Katalog zur Ausstellung „demenz art“ - Kunst von Menschen mit Demenz:

 

Werkstatt Demenz e. V.

Die Werkstatt Demenz ist im besten Sinne des Wortes eine Werkstatt. Hier wird entwickelt, experimentiert, Neues erfunden, Altes wieder gefunden und in neue Zusammenhänge gebracht, gefeilt, geschliffen... Und wie es sich für eine lebendige Werkstatt gehört, sind Besucher immer willkommen. Die Werkstatt Demenz ist eine Anlaufstelle für Menschen, die kreative Projekte, Ideen und Initiativen mitbringen und mit Gleichgesinnten diskutieren und umsetzen wollen.

Die Ausstellung „demenz art" im Loft 36 ist eine Folge dieser lebendigen Begegnungen. Weitere Projekte, die bislang in der Öffentlichkeit große Resonanz fanden, war die Werkstatt Demenz 2003, in der sich Demenzexperten ein Wochenende lang zu brennenden Fragen der Begleitung von und der Begegnung mit Menschen mit Demenz Gedanken machten. Ein Buch mit gleichnamigem Titel ist daraus entstanden - sowie eine Erklärung für eine Neue Kultur der Demenz.Kunst von Menschen mit Demene: Umwickelte Flasche, Frau Kelling, Glasflasche/elastische Binde, 2005, Werkstatt Demenz e. V.

Die Initiatoren der Werkstatt sind Peter Wißmann, Dozent für Gerontopsychiatrie und bildender Künstler, Dr. Dorothea Muthesius, Soziologin und Musiktherapeutin, Konstanze Gundudis, Eurythmistin und Michael Ganß, Gerontologe und Kunsttherapeut. Die beruflichen Hintergründe der lnitiatoren verweisen auf den inhaltlichen Schwerpunkt: Künstlerischen Ausdruck und Kunstgenuss in allen Sparten als ein Grundrecht auch für Menschen mit Demenz zu fordern und dies in gesundheits- und kulturpolitische Entwicklungen und Entscheidungen umzusetzen. Die Musik als Erfahrungsraum hat sich bereits in weiten Bereichen etablieren können.

Mit der bildnerischen Kunst ist mehr als ein Anfang gemacht Der Tanz, die darstellende Kunst und die Poesie fuhren noch ein Schattendasein. In Zeiten, in denen aktuelle Nachrichten nur noch von leeren Kassen berichten, müssen aber sogar oft solche Selbstverständlichkeiten wie das Recht auf die individuell „richtige" Musik immer wieder verteidigt werden.

Die Werkstatt Demenz lädt Interessierte - auch an dieser Stelle noch einmal - ein, Menschen mit Demenz nicht allein als schwerkranke und hilfebedürftige Mitbürger zu sehen, sondern sich von ihrer Art der Wahrnehmung, des Erlebens und des Handeln anregen und verändern zu lassen.


(Text Dorothea Muthesius)

Werkstatt Demenz e. V.Bilder von Menschen mit Demenz: Trautes Heim, Edith Rubocks, Übermalung, 1999, Werkstatt Demenz e. V.
Bülowstrasse 71-72
10783 Berlin

Telefon: 030/23006699
Telefax: 030/23006691
E-Mail: werstattdemenz@pmg-pflege.de

Spendenkonto
Berliner Volksbank
BLZ 100 900 00
Kto. 7 376 978 066

 

"demenz art"

Die vorliegende Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung „demenz art“ ‑ Kunst von Menschen mit Demenz, die im Mai 2006 in Berlin (LOFT36) stattfand.

Gezeigt wurden Arbeiten von Menschen mit Demenz aus vielen Teilen Deutschlands und aus Italien, die in Pflegeheimen, in ambulant betreuten Wohngemeinschaften oder bei ihren Angehörigen leben. Die Ausstellung und diese Publikation konnten dank der aktiven Beteiligung mehrere Projekte (Offenes Atelier, Art Brut, ArteCura), Einrichtungen und engagierter Menschen (Therapeuten, Angehörige, Pflege‑ und Betreuungskräfte) realisiert werden.

Ein ganz besonderer Dank gilt den Sponsoren, ohne deren finanzielle Unterstützung das gesamte Projekt nicht möglich gewesen wäre (siehe Kataloginnenseite).

An der „demenz art“ beteiligt waren auch zwei Künstler, die sich in ihrer Arbeit (Fotografie, Grafik, Videoinstallation) intensiv mit dem Menschen mit Demenz als Person auseinandersetzen.

In dieser Publikation sind ausgewählte Arbeiten aus der Ausstellung „demenz art“ zu sehen. Die Texte stammen von Michael Ganß (Kunsttherapeut und Gerontologe), Peter Wißmann (Fortbildungsreferent und bildender Künstler), Dr. Dorothea Muthesius (Musiktherapeutin und Soziologin), Elfriede Strecker (Hausfrau/Mutter), Claudia Büeler (Künstlerin), Günter Meyer (Kunsthistoriker und Pflegedienstinhaber).

 Kunst von Menschen mit Demenz: Werner, Klaus Vagst, Holz (Pappel), 1998, Werkstatt Demenz e. V.

Wie alles anfing...

Wenn man so will, ist eine Zeichnung des an Alzheimer erkrankten und 1992 verstorbenen Werbegrafikers Carolus Horn Schuld daran, dass im Jahr 2006 die Ausstellung „demenz art“ in Berlin stattfinden konnte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie diese Zeichnung beim Durchblättern der Begleitbroschüre zu einer Ausstellung sofort mein Interesse weckte. Doch der Untertitel erklärte mir, dass Horn zur Ent­stehungszeit dieser Arbeit völlig orientierungslos gewesen und die Abbildung ein hierfür typisches "Bleistiftgekritzel" sei.

Merkwürdig, dass gerade dieses orientierungslose Gekritzel' auf mich wirkte ‑ ganz im Gegenteil zu den hyperre­alistischen Arbeiten aus der Lebensphase des Grafikers vor der Erkrankung. Noch merkwürdiger, dass auch alle Künstler und künstlerisch interessierten Menschen, denen ich ohne nähere Begleitinformationen diese Zeichnung zeigte, von ihr angetan waren. Was in der Publikation als Beleg für die verheerende Wirkung der Demenz auf das künstlerische Schaffen herhalten musste, schien für andere Menschen also durchaus künstlerisch wertvoll zu sein.

Die trotz aller guten Absichten dennoch wieder einmal auf Defizitsicht orientierte Broschüre wurde zum Ärgernis, Und zum Anlass, eine Ausstellung zu planen, in der Menschen mit Demenz sich In ihrem Können, in ihrer Kreativität, in ihrer hoch ausgeprägten Fähigkeit zu künstlerischem Ausdruck präsentieren können.

Glaubt man den weit verbreiteten Ansichten, wie sie auch in einem kürzlich erschienenen Buch über das Malen mit demenziell veränderten Menschen verkündet werden, brauchen diese vor allem klare Strukturen, feste Themen und die führende Hand des Therapeuten. Und natürlich das Erfolgserlebnis, am Ende einen konkreten Gegenstand auf dem Maluntergrund erkennen zu können ‑ notfalls muss dann schon einmal ein wenig nachgeholfen werden. Alles andere sei den allen Menschen fremd.

Hätten diese Lehrmeinungen Recht, wäre eine Ausstellung wie die „demenz art“ nicht möglich gewesen. Und die fast ausschließlich in einem freien künstlerisch‑kreativen Prozess ohne Reglementierung durch „Gesunde“ entstandenen und in diesem Katalog abgebildeten Arbeiten gäbe es eigentlich gar nicht.

Viel Genuss beim Betrachten dieser demnach irrealen künstlerischen Äußerungen von Menschen mit Demenz!

(Text Peter Wißmann)

Bilder von Menschen mit Demenz: Die Beerdigung des Großvaters, Wotke, Mischtechnik, 2005, Werkstatt Demenz e. V.

Kunst von Menschen mit Demenz - die gibt es nicht!

Menschen mit Demenz können gar nicht künstlerisch tätig werden, fehlt ihnen doch die Grundvoraussetzung dazu - die bewusste kognitive Auseinandersetzung mit ihrem Werk im Zusammenhang der Kunst‑ und gesellschaftlichen Geschichte und auch Situation. Ihre Bilder sind unwillkürlich und ein Produkt eines zufälligen Zusammentreffens von Bewegung und Farbpigmenten in einem von außen bestimmten künstlerischen Raum. So die weit verbreitete Meinung.

Andererseits sind ihre Bilder von einer unüberbietbaren Authentizität, da sie ohne kognitive Filter unverstellt aus dem Inneren in einem dynamischen dialogischen künstlerischen Prozess aus dem Moment entstehen.

Die Menschen mit Demenz materialisieren sich in ihrem ak­tuellen Dasein in ihren Bildern. Der Ausdruck dessen ist von Anderen wahrnehmbar und löst in diesen Betrachtern innere Bilder aus. Ist das Kunst?

Kunst wird seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem als Möglichkeitsraum angesehen. Die Kunst entsteht in diesem, in einer bewussten autonomen und authentischen Auseinadersetzung. Damit kann jede autonome und authentische künstlerische Auseinandersetzung zur Kunst werden. Dieses künstlerische Schaffen verlangt eine reflektive Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Prozess.

Somit würden alle Werke, die nicht in einer bewussten Reflektion entstanden sind, keine Kunstwerke sein, Aber heißt bewusste Auseinandersetzung immer, dass diese auf kognitiver Ebene erfolgen muss? Eine errungene künstlerische Gestaltung, wie sie bei Menschen mit Demenz zu beobachten ist, kann Folge eines inneren Auseinandersetzungsprozesses auf rein emotionaler Ebene sein, was als gleichwertig betrachtet werden kann,

Dubuffet und Presler stellen sich gegen die ausschließliche Möglichkeit der kognitiven Auseinandersetzung für den künstlerischen Prozess. In seinem Manifest schreibt Dubuffet: „Die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet. Da, wo niemand an sie denkt noch ihren Namen nennt“ (Zitat Jean Dubuffet nach: Presler, Gerd: L´Art Brut – Kunst zwischen Gernialität und Wahnsinn (S. 26); DuMont, Köln 1981). Die Kunst entsteht an den Orten, an dem die wahre Auseinandersetzung stattfindet. Die Kunst braucht ein Verfahren sich zu verwirklichen, „welches nicht über die Idee geht Denn da, wo Ideen mitmischen, ist die Kunst angerostet, da ist sie nichts mehr wert. Also so wenig Ideen wie möglich. Die Kunst nährt sich nicht von Ideen“ (Presler, Gerd; 1981 (S. 163)).

Kognitive Prozesse, welche für das Umsetzen von Vorstellungsbildern notwendig sind, wären somit eher nicht das, was die Kunst braucht, sondern eher die expressive Suche. in diesem Sinne waren für Dubuffet die Bilder der psychisch Kranken seiner Zeit unbestritten Kunst. Was auch auf die Werke der Menschen mit Demenz übertragen werden kann. Die prozessuale künstlerische Auseinandersetzung der Menschen mit Demenz kann somit zu gleichwertigen Kunstwerken führen.

(Text Michael Ganß)

Kunst von Menschen mit Demenz: Eule, Anonymus, Holz (Birke), 2005, Werkstatt Demenz e. V.

 

Bürger mit Demenz

Zu den Grundbedürfnissen des Menschen zählt die Möglichkeit, sich als wertvoll zu erfahren, sich auszudrücken, sich sinnvoll zu betätigen, Leistung zu erbringen, Anerkennung und Identität zu erfahren und in Kontakt und in Austausch mit anderen zu treten.

Eine demokratische Gesellschaft ist verpflichtet, ihren Bürgern die Rahmenbedingungen zu garantieren, die eine solche Bedürfnisbefriedigung ermöglichen. Allen Bürgern!

Menschen mit Demenz sind hiervon aber sehr oft - oder müsste es heißen: fast immer? - ausgeschlossen. Vielen gelten sie als Burger „vierter“ Klasse, die nicht wirklich ernst zu nehmen sind, Ihr Status als Person ist bedroht, wird nur allzu oft in Abrede gestellt.

Auch wenn ihnen freundliche Zuwendung und Betreuung gewahrt wird, sind sie fast immer Empfangende und nur selten Gebende. Doch auch die Möglichkeit, etwas zu geben, stellt ein menschliches Grundbedürfnis dar.

Wer die Abbildungen von Ergebnissen schöpferisch-künstlerischen Tuns in dieser Publikation betrachtet, wird feststellen, dass viele Menschen mit Demenz über große Ressourcen und Fähigkeiten verfügen.

Doch wer von einer anderen, einer defizitverhafteten Betrachtungsweise blockiert wird, der verhindert die Entdeckung und Entfaltung dieser Ressourcen. Und er enthält den Menschen mit Demenz die Realisierung von Grundbedürfnissen vor. Er enthält ihnen Menschenrechte vor!

Aus Großbritannien stammt der Vorschlag, das medizinische (Demenz als Krankheit) und das soziale (die Person mit Demenz statt der Demenzkranke) Demenzmodell durch das Bürgerrechtsmodell zu erweitern. Hier werden demenziell veränderte Personen als Menschen betrachtet, die ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum leisten ‑ und denen hierfür die entsprechenden Möglichkeiten geboten werden müssen.

Sich künstlerisch auszudrücken, die Ergebnisse dieses Prozesses anderen zu präsentieren, mit diesen hierüber in einen Austausch einzutreten (beispielsweise über eine Ausstellung oder einen Katalog) und sie zu erfreuen ‑ dies sind mögliche Formen gesellschaftlicher Teilhabe und gesellschaftlicher Reichtumsproduktion.

„demenz art“ als (nicht nur einmaliges) Ausstellungsprojekt, als Publikation und als Programm will dazu anregen und ermutigen, dem Bürgerrechtsmodell der Demenz auch in Deutschland eine Tür zu öffnen.

(Text Peter Wißmann)

 

 



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